Unterwegs mit einer Rollstuhl-fahrerin
Eine persönliche Erzählung über Selbstbestimmung, Alltag und Würde - und über das, was wir oft übersehen
Wenn ich sie begleite, sehe ich vieles, was anderen verborgen bleibt. Sie sitzt im Rollstuhl, aber das beschreibt nur einen kleinen Teil ihres Lebens. Früher hat sie Tennis gespielt - schnell, kraftvoll, frei. Diese Energie trägt sie immer noch in sich. Doch ihr Alltag ist heute voller Hürden, die nichts mit ihrem Willen zu tun haben, sondern mit Strukturen, die nicht für sie gedacht sind.
Sie lebt selbstbestimmt, trotz Pflegestufe.
Das ist mir wichtig zu sagen.
Denn Selbstbestimmung endet nicht, nur weil man Unterstützung braucht.
Sie möchte nicht in einer Betreuungseinrichtung leben, nicht verwaltet werden, nicht in Abläufe gepresst werden, die andere für sie festlegen. Sie möchte entscheiden - über ihren Tag, ihre Wege, ihre Wohnung, ihr Leben.
Was ich sehe, wenn ich bei ihr bin
Ich sehe, wie viel Kraft es kostet, Dinge zu tun, die für andere selbstverständlich sind:
- das Wechseln von Gehhilfen innerhalb der Wohnung
- das Abstellen des Rollstuhls, wenn Vermieter keine Lösungen anbieten - „zu teuer“, heißt es dann
- das Erreichen von Schränken, die zu tief oder zu hoch hängen
- das Navigieren durch Räume, die nie für Menschen im Rollstuhl gedacht waren
Es sind diese unsichtbaren Hürden, die mich nachdenklich machen.
Nicht, weil sie klagt - das tut sie nicht.
Sondern weil ich sehe, wie viel Organisation, Mut und Geduld hinter jedem Schritt steckt.
Kleine Lösungen, die Großes verändern
Ich habe gelernt, wie viel Erleichterung in einfachen, durchdachten Ideen steckt:
- Horizontales Kühl-Gefrier-Modul
- Ein kombinierter Kühl- und Gefrierschrank, horizontal nebeneinander angeordnet, als Modul auf einem stabilen Tisch.
- Alles erreichbar, übersichtlich, sicher – ohne Bücken, ohne Risiko
- Küchenschränke mit geringer Tiefe
Nicht so tief wie üblich, damit sie trotz eingeschränkter Beweglichkeit genutzt werden können.
Weniger Tiefe bedeutet mehr Selbstständigkeit.
Mülltonnen mit zusätzlicher Klappe
Damit auch Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit oder geringerer Körpergröße sie nutzen können.
Ich helfe oft ungefragt, weil ich sehe, dass es sonst kaum möglich wäre.
Diese Lösungen sind nicht kompliziert.
Sie sind nicht teuer.
Sie sind Ausdruck von Respekt.
Freizeit und Unterkünfte – besonders für Kinder
Was mich besonders bewegt:
Auch Kinder im Rollstuhl möchten Ferien machen, spielen, entdecken, dazugehören.
Doch barrierefreie Ferienunterkünfte, Freizeitangebote oder Spielorte sind oft schwer zu finden – oder schlicht nicht vorhanden.
Es geht nicht um Luxus.
Es geht um Teilhabe.
Um Kindheit.
Um Freude.
Und darum, dass Familien nicht stundenlang recherchieren müssen, um einen Ort zu finden, an dem ihr Kind willkommen ist.
Wenn Handicap und finanzielle Grenzen zusammenfallen
Viele Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, haben ohnehin schon Einschränkungen.
Wenn dann noch fehlende finanzielle Möglichkeiten dazukommen, wird aus jeder Kleinigkeit ein Hindernis.
Nicht, weil sie es nicht könnten – sondern weil ihnen die Strukturen fehlen, die andere selbstverständlich nutzen.
Ein Gedanke, der uns alle betrifft
Niemand von uns ist davor geschützt, eines Tages auf Hilfsmittel angewiesen zu sein.
Ein Unfall, eine Krankheit, das Alter - das Leben entscheidet manchmal anders, als wir es planen.
Dieser Gedanke sollte uns nicht ängstigen, sondern achtsam machen.
Für ein Miteinander, das nicht verwaltet, sondern zuhört.
Für Lösungen, die nicht kompliziert, sondern menschlich sind.
Für Begegnungen, die auf Augenhöhe stattfinden.
Unterwegs mit Begleitung
Wenn ich mit ihr unterwegs bin, lerne ich jedes Mal neu, wie viel Würde in Selbstbestimmung steckt.
Begleitung bedeutet für mich nicht, jemanden zu führen.
Begleitung bedeutet, mitzugehen, wahrzunehmen, zu verstehen – und manchmal einfach da zu sein.
Idee und Konzeptidee von Angela Münchow für JosmarDE
